Vergangene Woche kam meine Tochter nach Hause und auf meine Standardfrage:“Hausis?“ Antwortete sie: „ Nee, wir müssen nur eine Zelle bauen.“ „Wie eine Zelle bauen? Dreidimensional oder wie?“ lautete meine irritierte Rückfrage. „Nein, wir sollen sie nur bauen. Für die Chloroplasten können wir zum Beispiel Erbsen nehmen, meinte meine Lehrerin. Wir sollen nichts dazu kaufen.“ „Also doch dreidimensional. Wenn ihr die Zelle bauen sollt, dann ist es dreidimensional. Sonst hätte sie ja zeichnen gesagt.“ „Ach so, ja kann sein.“

Als Biologin lief in meinem Kopf sofort ein Programm ab. Welche Zellbestandteile mussten gezeigt werden, wie stellten wir die Vakuole dar, wie konnten wir das sich ständig in Bewegung befindliche Zellplasma realisieren usw. usf.

Grundsätzlich finde ich kreative Ansätze in allen Unterrichtsfächern ja positiv. Aber ein Pflanzenzellmodell ist schon eine Herausforderung. Meine Tochter ist von solchen Aufgaben meist weniger begeistert. Mich packt immer sofort der Ehrgeiz und mein Kopf läuft auf Hochtouren, um diese oft recht anspruchsvollen Aufgaben zu realisieren. Wir haben schon verschiedene kreative Hausaufgaben erfolgreich umgesetzt. Unser Kompass und unsere Lochbildkamera funktionierten beide einwandfrei.

Für meine Tochter war das Thema erst einmal erledigt.

Sonntagmorgen in der Küche. Meine Tochter lag zusammen mit unserem Hund auf dem Küchenboden und bemerkte plötzlich: "Ich muss ja heute noch die Zelle bauen.“

Ha, also doch noch nicht ganz erledigt.

„Wie genau stellt sich Eure Lehrerin das Modell denn vor? Wie groß soll die Zelle sein?“ „Sie meinte, wir könnten z.B. einen Schuhkarton nehmen. Und für die Chloroplasten Erbsen.“

Ich weiß ja nun nicht, wie viele Pflanzenzellen ihr schon unter dem Mikroskop gesehen habt. Ich habe während meines Studiums sehr viele gesehen. Und die Idee mit dem Schuhkarton und den Erbsen machte mich unzufrieden. Gut, Erbsen sind grün. Ein Schuhkarton ist ja im Prinzip auch nicht so verkehrt, da die starre Zellwand der Pflanzenzellen so gut dargestellt werden kann. Aber das Größenverhältnis stimmte einfach nicht. Chloroplasten sind recht große Zellbestandteile. Und die einsame, kleine Erbse im Schuhkarton als Modell für eine Zelle mit Chloroplasten gefiel meinem Biologenherz nicht. Zudem hätten wir nur gefrorene Erbsen. Und die wären bis Dienstag verschrumpelt oder sogar verschimmelt. Keine gute Idee.

Und so haben wir diese anspruchsvolle Aufgabe im Team gelöst:

Als Grundgerüst für die Zelle/Zellwand fiel mir der Karton vom neuen Smartphone meiner Tochter ein. Ja, die perfekte Größe. Auch der Transport in die Schule mit dem Fahrrad war problemlos machbar. Meine Tochter war auch begeistert.

Als Chloroplasten hatte ich grüne, getrocknete Linsen im Angebot. Die fanden keine Gnade vor den Augen meiner Tochter. Ok, eigentlich waren sie auch zu klein. Die von meiner Tochter vorgeschlagenen Basilikumblätter fielen ebenfalls durch. Sie waren zu groß und wären bis Dienstag vertrocknet. Hm?

Auf der Suche nach weiteren Zellbestandteilen fiel mein Blick auf meine Knopfsammlung. „Knöpfe! Für die Chloroplasten nimmst Du Knöpfe. Ich habe bestimmt passende grüne Knöpfe.“ Und richtig. Jede Menge grüne Knöpfe in akzeptabler Größe. Problem gelöst.

„Für den Zellkern brauche ich etwas Rotes.“ „Wieso was Rotes?“ „Der Zellkern ist ja rot.“ „Der Zellkern ist doch nicht rot.“ „Im Buch ist er aber rot.“ Ok, also etwas Rotes für den Zellkern.

„Da nehme ich diesen Edelstein, Mama.“ „Ja, gute Idee. Die Größe passt und rötlich ist er auch.“ „Ja und diese Punkte hier sind die Kernkörperchen.“ „Ja, super Idee. Und mit dem Edelstein zeigst Du auch gleich die große Bedeutung des Zellkerns.“ Meine Tochter war stolz auf ihre Idee und lächelte glücklich. Da hatte es meine Tochter nun doch gepackt. Sie machte sich wirklich Gedanken, was in der Zelle so vorkommt. Sie holte eine Liste der Zellbestandteile und nun hakten wir ab. Zellwand erledigt, Zellkern plus Kernkörperchen und Chloroplasten ebenfalls realisiert.

„Musst Du auch die Zellmembran darstellen?“ „Ja, denke schon. Steht ja in der Liste. Aber die Mittellamelle nicht, glaub ich. Was ist die Zellmembran eigentlich?“ „Die Zellmembran besteht eigentlich aus Fettmolekülen, also Fettteilchen. Die sind so angeordnet, dass sie in der Zelle eine Schutzwand ergeben. Gleichzeitig sind sie aber für allerlei Stoffe gut durchlässig. Darum würde ich da etwas Durchsichtiges oder Dünnes nehmen. Gardine wäre nicht schlecht. Haben wir aber nicht. Vielleicht dieses Seidenpapier. Und dann in Gelb, dann sieht man es besser.“ Sofort wurde die Zellmembran von meiner Tochter umgesetzt.

„Ist die eigentlich auch oben und unten in der Zelle?“ „Ja, die Zelle ist rundherum umgeben von den Zellwänden und innen von der Zellmembran. Das Bild im Buch ist eine aufgeschnittene Zelle, damit Du von oben in sie hinein schauen kannst. Nur so kannst Du die einzelnen Bestandteile sehen. In Wirklichkeit ist die Zelle komplett geschlossen. Sie hat einen Boden und auch einen Deckel.“

In meinem Nähkasten fand ich eine Bleikette, die man für Gardinen zum Beschweren nimmt. „Für das Endoplasmatische Retikulum könnte man das jetzt gut nehmen.“  Was ist das denn?“ „Das Endoplasmatische Retikulum habt ihr also noch nicht gehabt. Dann musst Du es auch nicht einbauen.“

„Und die Mitochondrien? Was nehmen wir da? Was machen die eigentlich?“ „Für die Mitochondrien kannst Du gut die getrockneten Pintobohnen nehmen. Die sehen wirklich ein bisschen so aus wie Mitochondrien. Was die machen? Das sind die Kraftwerke der Zellen. Sie produzieren einen Stoff, ATP. Den braucht jede Zelle für eigentlich jede Arbeit, die sie verrichtet. Auch unsere Zellen. Das musst Du Dir wie das Benzin für die Autos vorstellen. Der Energielieferant für die Zelle.“

Mitochondrien erledigt.

Nun zur Vakuole und zum Zellplasma. Für das Zellplasma schlug ich gelbe Filzwolle vor. „Nee, das finde ich nicht gut.“ „Du kannst es aber gut zupfen und so darstellen, dass es überall ist und überall lang läuft. Schau so.“ Ich zupfte die Filzwolle und stopfte den Karton damit aus. Meine Tochter legte die Knöpfe darauf und den Edelstein setzte sie in eine Mulde. Ja, sah schon ziemlich gut aus.

„Für die Vakuole könnten wir zum Beispiel einen Luftballon nehmen, meinte meine Lehrerin. Wir haben ja aber keine mehr.“ „Nein. Finde ich auch ein bisschen groß für unsere kleine Zelle.“ „Wir nehmen dieses Garnknäuel, Mama.“ „Nein, das passt nicht für eine Vakuole. Aber gib mir mal den Verbandskasten, den Du da in der Hand hast.“ „Der ist doch viel zu groß!“ „Ich will ja auch nicht den Verbandskasten als Vakuole nehmen. Aber vielleicht sind da Einmalhandschuhe drin. Wir könnten die Finger mit Luft aufblasen.“

Ja, die Einmalhandschuhe waren drin. Aufblasen war auch kein Problem. Aber wie die Luft in den Fingern konservieren? Knoten machen ging nicht. Hm? Die Vakuole? Mein Blick fiel auf die kleinen Minimarmeladengläser. Ich sammle allerlei Schraubdeckelgläser und diese ganz Kleinen besonders gern.

„Wir nehmen eines von diesen Gläsern.“ „Nee, das finde ich blöd.“ „Doch, schau.“ Ich kippte die Zellbestandteile auf den Boden. „Du machst ja alles kaputt!“ maulte meine Tochter. „Warte doch ab!“ erwiderte ich.

Ich nahm das Zellplasma und zupfte ein Loch hinein. Nun stopfte ich die Vakuole in dieses Loch, den Deckel nach unten. Ich stellte die vom Zellplasma umgebene Vakuole in die Zelle und zupfte das Zellplasma zurecht. Nun legte meine Tochter den Zellkern mit seinen Kernkörperchen wieder in seine Mulde. Anschließend ordnete sie die Chloroplasten und die Mitochondrien im Zellplasma an. Fertig! Zufrieden schauten wir beide unsere schöne Pflanzenzelle an.

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