Genau genommen hat meine Tochter eine ausgeprägte Spinnenphobie. Wenn so eine Phobie vererbt werden kann, dann hat sie diese kleine Schwäche von ihrem Vater geerbt. Mir sind Phobien vor Tieren fremd, wenn man von meinen Panikattacken absieht, die mich ergreifen, wenn eine Wespe oder eine Biene in meinen persönlichen Sicherheitsbereich eindringt.

Bisher musste ich jede Spinne, die auch nur ansatzweise in die Nähe meiner Tochter gelangen könnte, aus ihrem Blickfeld entfernen. Als liebende Mutter habe ich das natürlich auch getan. Auch wenn ich bei so manchem winzigen Exemplar etwas am Verstand meiner Tochter zweifelte. Aber Ängste haben nichts mit Verstand zu tun und so habe ich auch die Winzlinge eingefangen und an die frische Luft gesetzt.

Besonders dramatisch sind Situationen mit Springspinnen. „Mama!!!!!!!! Ist das eine Springspinne? Ich glaube das ist eine Springspinne!!!!!!! Mama mach sie weg. Bitte!!!!! Jetzt!!!!!!!“ Das ganze muss man sich mit einem hysterischen Tonfall vorstellen, gerade so, als ob meine Tochter um ihr Überleben kämpft.

Während einer dieser Spinneneinfangsituationen habe ich ihr unvorsichtigerweise eine Springspinne vorgestellt. „Wie Springspinne???? Kann die etwa springen???“

„Ja, sonst würde sie ja nicht so heißen. Sie bauen kein Spinnennetz, sondern lauern auf Beute und springen diese dann an.“ „Wie jetzt? Die springen einfach so? Und wie weit können die springen?“ „Keine Ahnung. Aber ein paar Zentimeter werden es schon sein. Vielleicht auch einen halben Meter. Das hängt bestimmt auch davon ab, wie groß die Spinne selber ist. Aber die sind ja nicht gefährlich. Und dich springen sie ganz sicher nicht an. Du bist als Beute eindeutig zu groß!“ „Das sagst Du! Also ich traue denen nicht!“ Seither stehen Springspinnen auf Platz 1 der gefährlichsten Gegner meiner Tochter. Dagegen verblasst jede andere Spinne und sei sie noch so groß. Gleich gefolgt von den Zitterspinnen.

Die erste Spinne, die sich ungefragt in der Nähe meiner Tochter häuslich niederlassen durfte war „Spinni“. Ein wirklich beachtliches Exemplar einer Kreuzspinne. Sie hatte in einer Ecke auf unserer Veranda ein Netz gewebt. Und meine Tochter duldete sie. Allerdings kontrollierte sie stets, ob „Spinni“ sich noch am vereinbarten Platz aufhielt. Unkontrolliertes sich entfernen und fern bleiben war nicht erlaubt. Und man kann es kaum glauben, aber „Spinni“ hatte überraschenderweise gar kein Interesse ihr Netz zu verlassen.

Nun haben wir wieder einen Gast aus der Gruppe der Spinnen. Ich habe sie zunächst gar nicht bemerkt. Ich habe einfach keinen Spinnenscanblick. Aber meiner Tochter war sie nicht entgangen. Und wieder ist es eine Kreuzspinne. „Hast Du die Spinne schon gesehen, die am Fenster sitzt?“ „Ja, die ist da schon ganz lange.“ „Und Du hast noch nichts gesagt?“ „Solange sie genau da bleibt, kann sie meinetwegen da leben.“ „Ok!?“ Nun sitzt sie also dort am Fenster, in unserer Küche. Von innen wohlgemerkt. Direkt am Fenstergriff hat sie sich niedergelassen. Da das Fenster nicht geöffnet wird, ist das kein Problem. Nun musste ich allerdings die Fenster putzen. Und dabei habe ich leider ihr Netz zerstört. Die Spinne flüchtete sofort und presste sich eng in eine Ritze zwischen Fenster und Rahmen. Das tat mir wirklich leid. Ich habe den ganzen Tag gehofft, dass ich sie beim Weben des neuen Netzes beobachten kann, aber sie hat sich nicht gerührt. „Ich glaub die Spinne ist beleidigt! Sie rührt sich nun schon seit Stunden nicht mehr.“ Aber sie ist absolut standorttreu und hat über Nacht ein perfektes neues Netz gewebt.Schau mir in die Augen

Nun hat sie auch einen Namen bekommen. Interessanterweise fielen meiner Tochter und mir diverse weibliche Vornamen für sie ein. „Wir wissen ja gar nicht, ob es ein Weibchen ist.“ „Ich denk Spinnen fressen ihre Männer auf? Dann muss es ja eine Frau sein.“ „Sie fressen sie nach der Paarung, wenn sie sie erwischen. Deswegen gibt es trotzdem männliche Spinnen. Wir brauchen einen neutralen Namen.“ „Spinni zwei.“ „Das finde ich blöd. Was anderes. Vielleicht Kreuzi?“

Neugierig geworden, begann ich eine kleine Recherche über die Gartenkreuzspinne. Die Männchen werden maximal 10 mm groß. Unser Gast ist mindestens 15 mm groß. Damit ist klar, unser Gast ist tatsächlich ein Weibchen. Diese haben nämlich eine Größe von 12 bis 18 mm.

"Es ist wohl ein Weibchen. Für ein Männchen ist sie zu groß." "Yvonne. Sie kann ja Yvonne heißen." Nun heißt sie also Yvonne.

Yvonne wächst schnell. Und sie ist eine ausgezeichnete Fliegenfängerin. Jeden Tag zappeln Fliegen in ihrem Netz. Gestern habe ich eine tote Fliege auf dem Fußboden gefunden. Ich hob sie auf und setzte sie in das Spinnennetz. „Hier Yvonne, für Dich.“ Yvonne rührte sich nicht. „Vielleicht merkt sie die Fliege nicht, weil die nicht zappelt und brummt.“ „Hm, habe ich auch schon gedacht.“ Aber heute Morgen hatte Yvonne sich über die Fliege hergemacht. Sie war bereits eingesponnen und wurde gerade ausgesaugt. Und im Netz hing schon die nächste Mahlzeit und zappelte.

So eine Kreuzspinne ist ein angenehmes Haustier. Sie fängt sich die Nahrung selber und man braucht kein Zubehör kaufen. Außerdem sind sie sehr leise. Was ich allerdings nicht gedacht hätte, ist die Tatsache, dass Spinnen unglaublich viel Dreck machen. Der Fensterrahmen und die Fensterbank sind reich gesprenkelt mit den Hinterlassenschaften von Yvonne. Ganz offensichtlich unterschiedliche Ausscheidungen, einige sehr fest eher wie winzige Kotbälle und andere orangefarben und eher flüssig. Außerdem fallen noch die kläglichen Überreste der Opfer auf die Fensterbank. Diesen Krümeln sieht man nicht mehr an, dass es mal Fliegen waren.

Besonders faszinierend finde ich ihr Netz. Dadurch, dass sie an der Glasscheibe gebaut hat, kann man genau sehen, wie sie ihre Fäden gezogen hat. Einen recht großen weißen Klebefleck auf der Scheibe für jeden Faden. Von diesen Flecken ziehen die Fäden Richtung Netz. Jeden Tag werden es mehr weiße Klebeflecke an der Scheibe. Das Netz wird über Nacht repariert, optimiert und ausgebaut.

Bei meiner Recherche bin ich allerdings auf eine wenig erfreuliche Information gestoßen. Gartenkreuzspinnen werden mit 2 Jahren geschlechtsreif und dann paaren sie sich. Dabei muss das Männchen tatsächlich sehr vorsichtig sein. Er klopft über einen Kontaktfaden vorsichtig an. Das Traurige ist aber nun, dass das Weibchen nach der Paarung ihre Eier in einem Kokon ablegt und dann stirbt. Da Yvonne schon sehr groß ist, ist sie wohl schon geschlechtsreif. Aber in Ermangelung eines männlichen Artgenossen lebt sie vielleicht noch etwas länger bei uns. Denn ganz nebenbei lernt meine Tochter, dass Spinnen doch nicht so gefährlich sind. Außer Springspinnen natürlich! Die sind nicht zu unterschätzen!