So lautet wohl so manches Mal die Antwort, wenn es darum geht einen Baum für den Garten auszuwählen. Laubbäume sind schön, aber sie haben einen großen Fehler. Sie verlieren im Herbst ihr Laub. Und das wird im Allgemeinen mit Dreck und Arbeit gleichgesetzt.

Da fragt man sich bei einem Frühjahrsspaziergang im Laubwald dann doch, wer eigentlich das ganze Laub dieser mächtigen Bäume jedes Jahr wegsaugt. Das müssen ja riesige mit Laubsaugern bzw. Laubbläsern bewaffnete Trupps sein, die jedes Jahr im Herbst in den Wäldern für Ordnung sorgen, und all den Dreck der geordneten Entsorgung zuführen. Oder?

Nun, tatsächlich sorgen im Wald eine Reihe von Freiberuflern dafür, dass das Laub der geordneten Entsorgung nicht entgeht. Darf ich vorstellen: Herr und Frau Springschwanz, Familie Schnecke, Familie Assel mit ihren Verwandten den Tausendfüßlern, sowie Frau Moosmilbe und Herr Regenwurm. Um nur einige wenige zu nennen.

Es handelt sich z.T. um nur wenige Millimeter große Tiere, die im Boden versteckt leben und alles anfallende Pflanzenmaterial unermüdlich zerkleinern, zersetzen und vollständig abbauen. Bakterien und Pilze stehen ihnen dabei stets hilfreich zur Seite. Eine Handvoll humusreichen Waldbodens enthält so viele Lebewesen, wie es Menschen auf der Welt gibt. Kaum zu glauben und unglaublich beeindruckend.

Wenn im Herbst das Laub fällt beginnt sofort die Arbeit. Wir sehen es nicht und was noch viel schöner ist, wir hören es nicht! Kein monotones, nerventötendes und ohrenbetäubendes Gebrumm eines Laubsaugers bzw. Laubbläsers ist nötig.

BodenleiterZunächst bedarf es einer kleinen Vorbehandlung der Blätter, damit die eigentliche Arbeit beginnen kann, denn die Blätter haben alle eine mehr oder weniger dicke Wachsschicht als Verdunstungsschutz. Diesen Teil übernehmen Regen und Sonne. Die Blätter werden weich gewaschen und gebleicht. Nun beginnt der sogenannte Fensterfraß. Springschwänze fressen kleine Löcher in das Blatt und bereiten so ideale Angriffsflächen für die weitere Zersetzung vor. Bakterien und Pilz besiedeln die Blätter und bearbeiten es weiter. Nun kommen Schnecken. Sie fressen ganze Löcher (Lochfraß) in die Blätter. Noch mehr Angriffsflächen entstehen. Asseln und Tausendfüßler nehmen ihre Arbeit auf. Zurück bleiben filigrane Kunstwerke. Man spricht vom Skelettfraß. Nur die festen Leitungsbahnen der Blätter bleiben übrig. Man kann wahre Meisterwerke finden, wenn man einmal genauer hinschaut.

Und weiter geht die Arbeit. Bakterien und Pilze zersetzen die Blätter unaufhörlich. Kleine Milben kommen hinzu und „zerbröseln die Blätter weiter. Und auch der Meister der Zersetzung und Humusbildung kommt ins Spiel. Er frisst alle Reste, den Kot der anderen und auch ganze Blattteile. Dabei nimmt er immer auch einen Teil des Waldbodens in sich auf. Die feinen Steine zermahlen und durchmischen alles in seinem Verdauungstrakt. Und seine Hinterlassenschaften, die Kothaufen, sind ein perfektes Produkt. Feine mit Mineralien und Humuskomplexen angereicherte und äußerst fruchtbare Erde. Der ideale Dünger.

Und das funktioniert zum Glück nicht nur im Wald! Diese paradiesischen Zustände sind in jedem Garten und jedem Park möglich. Wir müssen es nur erlauben. Dass das Laub auf Straßen und Wegen aus Sicherheitsgründen entfernt werden muss, versteht sich natürlich. Aber warum müssen im Herbst alle Beete und Parkanlagen aussehen, als ob sie blankpoliert wurden. Nur der nackte Boden ist zu sehen. Kein Blatt entgeht den Saugern und Bläsern.

Kein Rückzugsgebiet bleibt für die vielen Tiere, die den Winter in einem sicheren Laubversteck verbringen möchten. Keine schützende Laubschicht für die vielen Pflanzen, die den Winter unter dieser isolierenden Schicht sicher geschützt sind. Stattdessen werden Tannenzweige gekauft und über die empfindlichen Pflanzen gelegt. Der lärmende Saugbläser wird herausgeholt und all die kostbaren Blätter kostenpflichtig entsorgt. Vogelfutter wird in großen Mengen und immer kurioseren Zusammensetzungen für die gefiederten Freunde gekauft. Denn auch für sie ist das Laub überlebenswichtig. Hier finden sie allerlei eiweißreiches Kleingetier, um sicher über den Winter zu kommen. Unermüdlich drehen Amsel und Co. jedes Blatt einzeln um. Vielleicht sitzt ein dicker Käfer drunter oder ein Wurm?

Vielleicht im kommenden Herbst einmal über das eigene Verständnis von Ordnung und Dreck nachdenken und das Laub auf den Blumenbeeten liegen lassen. Es lohnt sich und tut gar nicht!