Ich muss zugeben, wenn ich den Namen Ahorn höre, dann denke ich zuerst an die großen, spitzen Blätter vom Spitzahorn. Nein, zuerst fallen mir die lustigen Flügelfrüchte der Ahornbäume ein. Ich habe sie mir als Kind immer auf die Nase gesetzt und verzweifelt versucht, sie festzukleben. Irgendwer hatte mir erzählt, ich müsste den im unteren Bereich liegenden Samen teilen und dann könnte ich mir die Flügelfrucht auf die Nase kleben. Kleben habe ich damals wörtlich genommen. Aber sie klebten nicht! Die blöden Früchte vielen mir bei der kleinsten Kopfbewegung immer wieder von der Nase. Ich war schwer enttäuscht und habe das Projekt dann ziemlich bald aufgegeben. Zugegeben, ich habe es in regelmäßigen Abständen immer wieder versucht, auch als sogenannte erwachsene Person. Aber sie kleben immer noch nicht. Nun gut, soviel zu den Flügelfrüchten der Ahornbäume.

Feldahorn

Woran ich beim Begriff Ahorn nicht denke, ist der Feldahorn (Acer campestre). Wahrscheinlich geht das den meisten Menschen so. Der Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus) und der Spitz-Ahorn (Acer platanoides)  sind einfach die dominierenden Ahornbäume in Deutschland. Groß und mächtig stehen sie da mit ihren großen und beeindruckenden sehr spitzen bzw. leicht abgerundeten fünflappigen Blättern.

Zum Baum des Jahres 2015 wurde jedoch der etwas kleinere und wenig bekannte Verwandte gewählt, der Feld-Ahorn (Acer campestre). Die meisten kennen ihn wahrscheinlich nur als Strauch oder Hecke, da er wegen seiner großen Ausschlagfreudigkeit gerne als Hecke oder Strauch gehalten wird. Und als echter Kulturfolger findet er in den gestalteten Kulturlandschaften des Menschen viele passende Standorte. Wir finden ihn als Strauch oder Baum in Knicks, Feldgehölzen und Waldrändern. Oder er wird, wegen seiner Trockenresistenz, entlang großer Straßen, an Schienensträngen und auf Halden eingesetzt.  Im Herbst ist der Feldahorn dann mit seiner goldgelben und langanhaltenden Herbstfärbung ein echter Hingucker. Die ist sicher mit ein Grund, warum er immer öfter als Baum für Alleen und Parkanlagen eingesetzt wird. Hinzu kommt, dass er kleinkronig und relativ robust gegenüber Luftschadstoffen ist. Einfach der ideale Stadtbaum. So müssen wir uns gar nicht weiter bemühen, die Lebensbedingungen in den Städten für die Bäume zu verbessern. Wir suchen einfach die Bäume aus, die unsere verschmutzte Umwelt scheinbar problemlos aushalten.

Bltter

Dieser Baum kann aber auch ganz anders daherkommen. Sein natürlicher Standort sind die Hartholz-Auen, wo er zusammen mit Stiel-Eiche, Feld-Ulme und Silberpappel zu den prägenden Bäumen der nährstoffreichen Auwälder gehört. Anders als seine beiden Verwandten, Berg-Ahorn und Spitz-Ahorn, verträgt er längere Überflutungszeiten problemlos. Und dabei ist er besonders robust und übersteht auch Überflutungszeiten von über einem Monat. Das macht ihm so schnell keiner nach. Damit nicht genug, so kann er auch an extrem trockenen Standorten problemlos wachsen, z.B. an sonnenverwöhnten Berghängen oder in trockenen, kalkhaltigen Wäldern. Hier ist er in seinem Element und kann mit den anderen Baumvertretern, die an anderen Standorten deutlich schneller wachsen, gut mithalten. An geeigneten Standorten ohne stärkere Konkurrenz kann er Höhen bis zu
20 m und z.T. sogar 25 m erreichen. 

Auch aus seiner Vergangenheit gibt es spannende Geschichten zu erzählen. In Italien wurde er vor der Technisierung der Weinhänge gern als Rankhilfe für die Weinreben gepflanzt. Da er problemlos mit Trockenheit und starkem Beschnitt zurechtkommt, war er die ideale Stütze für die schwer mit Trauben behangenen Weinstöcke. Heute findet man solche Weinhänge nur noch selten.

Und nun zum Maßholder. Maßholder war der früher in Deutschland in vielen Gegenden gebräuchliche Name für den Feldahorn. Manchmal wird er noch heute so genannt. Die Herkunft dieses Namens ist nicht abschließend geklärt. Zwei Erklärungen möchte ich vorstellen. Die eine ist die sachliche Erklärung der meisten Etymologen. Diese führen den Namen auf die Bedeutung "mäßig großer Baum" zurück. Und dann gibt es eine Erklärung, die etwas mehr Raum für die Phantasie und für Geschichten lässt. Laut dieser Deutung stammt der Name Maßholder vom althochdeutschen mazzaltra ab. Mazzaltra wiederum stammt vom germanischen mat(i) und bedeutet Speise. Danach soll der Feld-Ahorn als Speisebaum gedient haben. Und das nicht nur für das Vieh. Seine Blätter sollen zu einer sauerkrautähnlichen Speise vergoren worden sein. Gesicherte Hinweise für eine Verwendung als Speisebaum für Menschen wurden bisher nicht gefunden. Giftig sind die Blätter übrigens nicht, nur für den Fall, dass jemand einen Selbstversuch starten möchte. Rückmeldungen hierzu nehme ich gerne entgegen.

Wenn er vielleicht auch nicht als Speisebaum geeignet ist, sein Holz wird jedoch für viele Zwecke gern eingesetzt. Es ist gelb z.T. leicht rötlich, elastisch und sehr belastbar. Drechsler und Schnitzer schätzen dieses schöne Holz. Ebenso findet es Verwendung beim Instrumentenbau, für schöne Möbelfuniere und allerlei mehr.

Der leckere Ahornsirup wird leider nicht aus unseren heimischen Ahornbäumen gewonnen, sondern vom kanadischen Zucker-Ahorn. Die Rinde der Bäume wird dafür in regelmäßigen Abständen angeritzt und der austretende Baumsaft wird in einem Gefäß aufgefangen. Dass unsere Ahorn-Bäume aber Heilwirkung haben, wissen nicht mehr viele. Schon die Ägypter sollen den Ahornbaum als Baum mit Heilkraft verehrt haben. Es sollen Aufzeichnungen aus der Zeit vor gut 4000 Jahren existieren, die wohl darauf hindeuten. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir unseren Ahornbaum nur schwer im heißen und trockenen Klima der alten Ägypter vorstellen kann. Auf jeden Fall gibt es Aufzeichnungen von Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert. Und die lebte ja in unseren Breitengraden. Darin schreibt sie über die kühlende und abschwellende Wirkung der Ahornblätter. Für die Anwendung werden frische Ahornblätter gequetscht und auf die betroffene Körperstelle aufgelegt. Als Variante gibt es auch die Möglichkeit, die frischen Blätter in Wein weich zu kochen und dann als Auflage zu verwenden. Anwendungsbeispiele sind geschwollene Augen, Gerstenkörner, Fieber und geschwollene Gelenke.

Interessant für unterwegs ist die 1. Hilfe bei Insektenstichen. Einfach ein Ahornblatt pflücken, etwas zerquetschen und auf den Stich legen. Diese Maßnahme soll auch bei geschwollenen und müden Füßen sehr erfolgreich sein. Ich werde es mir merken. Die nächste Gelegenheit für einen Selbstversuch kommt hier bestimmt.