Jetzt im Herbst verweilt mein Blick wieder häufiger bei den Erlen. Warum? Vielleicht hängt es mit dem Aussehen dieser Bäume zusammen. Immer etwas düster und irgendwie schwermütig. Da wundert es mich nicht, dass die Erlen den Menschen früher Angst machten. So gibt es wohl allerlei Sagen und Legenden um diesen Baum. Die Erlen wachsen an den unwirtlichsten Orten. Moore, Au- und Bruchwälder sind die düsteren Landschaften der Erlen. Hier sind auch Elementargeister, Feen und Hexen zuhause. Es wird erzählt, dass in der Erle die Erlenfrau lebt. Sie wird in Sagen Arie, Irle oder Else genannt. Die Erlenfrau ist ein Geist mit zwei Gesichtern, dem Gesicht des Lebens und dem des Todes.

Die Erlen gehören, genau wie die Baumhasel, zu den Birkengewächsen (Betulaceae). Die Gattung der Erlen (Alnus) umfasst 35 Arten. Von diesen sind 3 Arten in Mitteleuropa heimisch, die Grün-, Grau und Schwarzerle. Die Grün und die Grauerle sind Bäume der Hochgebirge.

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Die Schwarzerle (Alnus glutinosa) ist der typische Baum in Moorlandschaften, Bruch- und Auwäldern. Sie wird bis zu 100 Jahre alt und kann unfruchtbarstes Land besiedeln, da an ihren Wurzeln ein winziger Pilz wächst. Der Pilz bindet den Stickstoff aus der Luft und stellt ihn der Erle zur Verfügung. Im Gegenzug erhält der Pilz den Zucker aus der Fotosynthese. Eine perfekte Partnerschaft, auch Symbiose genannt. Die Schwarzerle kann einen Wechsel zwischen trocken, feucht und nass problemlos vertragen. Ihre Wurzeln schiebt sie soweit wie möglich ins Wasser. Oft sehen wir sie als Flussbegleiter am Ufer stehen, wo ihre Wurzeln das Ufer befestigen.

Sie hat tief dunkelgrünes Laub, das ohne spektakuläre Herbstfärbung relativ spät im Jahr abfällt. Auch ihre Früchte sind recht unauffällig. Kleine zunächst dunkelgrüne und später schwarze Zapfen, die wie winzige Kiefernzapfen aussehen. Die Zapfen der Erle bilden sich aus den weiblichen Blüten. Diese sind bis zum Frühjahr gut in den Knospen versteckt. Im März/April kann man die blutroten, kleinen weiblichen Blüten sehen. Die männlichen Kätzchen werden schon im August angelegt und hängen gut erkennbar an den Zweigen. Sie blühen im März/April auf und produzieren riesige Mengen Pollen, die der Wind verteilt. Wie alle Birkengewächse, so wird auch die Erle vom Wind bestäubt.

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Die Zapfen enthalten die eigentlichen Früchte der Erle, winzige kleine Nüsse. Sind sie essbar? Schon möglich. Aber ob sie schmecken ist schwer zu sagen. Sie sind so winzig, dass man schon eine größere Menge verzehren müsste, um überhaupt ein Geschmackserlebnis auf der Zunge zu provozieren. Diese kleinen Nüsse haben an beiden Seiten kleine Flügel. Daher wird die Frucht auch Flügelnuss genannt. Diese Flügelnüsse sind so leicht und mit ihren Flügeln können sie segeln, so dass sie über den Wind weit davon getragen werden können. Fallen sie ins Wasser, so gehen sie nicht unter. Sie schwimmen auf der Wasseroberfläche und ziehen mit dem Wasser fort. Bis sie an ein Ufer geschwemmt werden, wo sie dann auskeimen können.

Wird eine Erle gefällt, so fällt auf, dass der Baumsaft sich blutrot verfärbt. Auch das Holz hat eine wunderschöne intensive Färbung, tief dunkelorange bis blutrot. Als Bauholz ist das Erlenholz nicht sehr beliebt. Zumindest nicht bei den Menschen. Der Holzwurm dagegen mag das Holz der Erle sehr. Früher wurde das Erlenholz gerne zur Herstellung von dauerhaftem Kochgeschirr eingesetzt. Und die Erle galt als Holzschuhbaum. Mussten neue Holzschuhe her, so sah man sich nach einer Erle um.

Das Holz eignet sich zwar nicht als normales Bauholz. Für Unterwasserbauten ist es jedoch bestens geeignet. Es zieht sich mit Wasser voll und wird dadurch immer fester. Früher wurde es für den Bau von Wasserleitungen, Brunnentrögen und Quelleneinfassungen verwendet. Und halb Venedig soll auf Erlenpfosten stehen. Also bitte ein bisschen mehr Respekt vor diesem Baum.

Aber warum heißt die Schwarzerle Schwarzerle? Wenn die Zapfen auf Steine fallen und der Regen sie durchweicht, sieht man wie sich ein schwarzer Saum um den Zapfen bildet. So wurde früher schwarze Tinte aus den winzigen Zapfen hergestellt. Wegen ihres hohen Gerbstoffanteils eignete sich die Rinde der Erlen besonders gut, um Leder zu gerben. Und für die Färbung des Leders wurde die Erlenrinde für die Herstellung von schwarzer Lederfarbe eingesetzt.

Und nicht genug, dass die Erle unter anderem für Dinge des alltäglichen Gebrauchs und für Unterwasserbauten eingesetzt werden kann, so hat sie auch längst in Vergessenheit geratene Heilwirkungen. Sie enthält 10-20 % Gerbstoffe. Diese sind für ihre zusammenziehenden, fiebersenkenden, harntreibenden und schmerzlindernden Wirkungen verantwortlich. Für Waschungen, Mundspülungen und zum Gurgeln verwendet man eine Abkochung der Rinde. Dafür kocht man ca. 5 g getrocknete Rinde für 10-20 Minuten mit 100 ml Wasser.  Die Abkochung kann bei Zahnfleischentzündungen und allgemeinen Entzündungen der Haut und der Schleimhäute eingesetzt werden. Für einen harntreibenden Tee übergießt man ca. 5 g Erlenblätter mit 100 ml kochendem Wasser und läßt diesen ca. 10 min ziehen.

Die Blätter sammelt man, wenn sie voll entwickelt sind, also von Mai bis Juli. Die Rinde wird von 2- bis 3-jährigen Zweigen abgeschält und im Frühjahr geerntet.

Die Erle: unspektakulär? Nein, sie ist voller Geheimnisse!